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Über die Greina-Ebene zum Lukmanierpass: 3-Tages-Wanderung vom Graubünden ins Tessin & zurück

Die Greina-Ebene stand schon seit Jahre auf meiner Sommer-Wunsch-Liste. Warum genau, weiss ich nicht mehr. Irgendein Bericht oder Foto wird der Auslöser gewesen sein. Doch wie es so ist, kam immer das Leben dazwischen. Zu viel zu tun, zu faul zum Organisieren, zu kurzfristig…

Greina Ebene

Die lang ersehnte Greina-Ebene

Doch dieses Jahr stimmte das Timing – Anfangs August hatte ich ein paar Tage frei und im Juli genug Muse zum Planen. Aber ganz ehrlich: Vorbereiten muss man fast nichts. Die Berghütten sind schnell reserviert, die Sparbillette auf SBB mit einem Klick gebucht und Freund*innen fürs Mitkommen fix gefragt. Ich hatte Glück: Eine gute Freundin hatte Zeit zum Mitwandern, die Hütten Platz am gewünschten Datum und der öV zeigte sich erstaunlich bezahlbar.

Tag 1: Von Puzzatsch über die Greina-Ebene

So geht es eines frühen Morgens, wir nehmen den 6:38 Zug nach Chur, los. Das Wetter ist nach Wochen voller Sonnenschein trüb, wir hoffen die ganze Fahrt auf eine Besserung. Und dass nicht nur, weil ich (typisch) vergessen habe, die Regenjacke einzupacken… Doch über dem Zürichsee hängen die Wolken. Genauso über dem Walensee und auch die wunderschöne Fahrt nach Ilanz dem Vorderrhein entlang (was bestimmt auch eine imposante Wanderung wäre) prägt eine mystisch-düstere Stimmung. In Ilanz steigen wir in den Bus nach Vrin und von dort in den Bus Alpin nach Puzzatsch. Die erhoffte Sonne zeigt sich leider immer noch nicht, aber immerhin regnet es nicht mehr aus Kübeln, wie noch ein paar Kurven weiter untern. Voller Mut machen wir uns auf dem Weg. Ab, hinauf auf den Pass Diesrut! Nur um 300 Meter später bereits die erste Pause einzulegen…

Das Café am Ende der Welt

Café Greina

Zu Beginn der Wanderung liegt das →Café Greina, eine gemütliche Jurte mit schöner Terrasse. Sich hier zu stärken ist nicht nur bei Schlechtwetter eine gute Idee. Die leckeren Kuchen sind hausgemacht, die Besitzerin & der Besitzer strahlen eine ansteckende Ruhe & Zufriedenheit aus. 

Unsere Zuckersucht rettet uns aber nicht nur aus einem ersten Energietief, sondern auch vom Wetter: Kaum in der Jurte angekommen, beginnt es erneut in Strömen zu regnen. Im Trockenen warten wir, bis das Schlimmste durch ist. Um 11 Uhr geht die Wanderung endlich los.

Der Aufstieg zum Pass Diesrut ist gleichmässig und mit mittlerer Kondition definitiv machbar. Landschaftlich wäre er bei guter Sicht bestimmt beeindruckend. Geben wir uns halt dem einlullenden Nebel hin, geniessen die damit verbundene Einsamkeit & Stille, welche nur ab und an durch Kuhglockenklänge durchbrochen wird.

nebliger Aufstieg zum Pass Diesrut
Salamander auf dem Weg zum Pass Diesrut

Kurz vor der Passhöhe liegen einige Schneefelder, deren Überquerung ist aber ein leichtes. Schon schwieriger gestaltet sich das Slalom-Laufen rund um die Kuhfladen, welche die wahrscheinlich zahlreichen – für uns aber unsichtbaren – Tiere grosszügig über den Wanderweg verteilt haben…

Vom Pass Diesrut beginnt der Abstieg Richtung Greina-Ebene. Praktischerweise sind die Wege (wie überall in der Schweiz) gut ausgeschildert & begehbar. So ist auch dieser Teil der Wanderung trotz des vorhergehenden Regens kein Problem. 

Da wir die Ebene wegen den Nebelwolken lange nicht sehen, erfreuen wir uns an den prachtvollen Bergblumen und den neongrünen Flechten auf dem Geröll.

Ausblick auf die neblige Greina-Ebene
Stein mit grünen Flechten auf auf dem Pass Diesrut

Irgendwann lichtet sich glücklicherweise der Nebel ein bisschen und wir erkennen die Grösse dieser einzigartigen Hochebene. Was wir sehen verzaubert uns: Breit & ruhig liegt sie vor uns, die berühmte Greina-Ebene. Das sattgrüne Gras silbern schimmernd, durchzogen von gelben Blümchen & aufstängelnden Disteln. Neben den Flüsschen grasen Kühe, immer wieder entdecken wir Murmeltiere und hören deren Pfiffe.

Die hohen Gipfel, welche die Greina-Ebene einrahmen, bleiben uns verborgen. Und doch begeistert und die Szenerie genug, dass uns schon während dem Durchwandern klar wird, dass wie noch mal hierher zurückkehren wollen. Die Magie dieser Landschaft wieder spüren, uns wieder in ihrer Schönheit verlieren wollen. Sollten wir dann das nächste Mal die Bergspitzen sehen, umso besser…

Blühende Magerwiese auf der Greina
Murmeltier auf der Greina
Disteln und gelbe Blumen auf der Greina
Schimmernedes Gras auf der Greina
Geisterblume auf der Greina

Auf der Greina-Ebene lassen wir uns Zeit, saugen die Landschaft in uns auf und beobachten während des Picknicks die süssen Murmeltiere.

Dann müssen wir weiter, Richtung Tessin hin zur Capanna Scaletta, wo wir die erste Nacht verbringen wollen.

Schafsherde auf einer Hochebene
Wegweiser bei der Capanna Scaletta

Der Weg bleibt schön und abwechslungsreich. Irgendwann führt er an weissem Gestein vorbei, es leuchtet wie Schnee. Von dort ist es nur noch ein kurzer Weg zur Scaletta-Hütte, wo uns auch das Glück wieder eingeholt hat und wir die wahrscheinlich besten Betten mit Ausblick auf Berg & Tal zugeteilt bekommen. 

Ausblick vom Bett in der Capanne Scaletta

Tag 2: Durch einsame Täler zur Capanna Bovarina

Erstaunlich frisch und ohne schlimmen Muskelkater erwachen wir im Massenschlag. Nach dem stärkenden Frühstück machen wir uns auf den Weg hinab ins Tal. Der Abstieg führt über Geröll, es sieht aus wie ein duftiger Steingarten. Bald schon hören den gurgelnden Wasserfall, dessen Fluss und während der ersten Hälfte des Tages begleiten wird. Der Wanderweg führt durch das Blenio-Tal, vorbei an einigen Alpen und immer wieder die kaum befahrene Strasse kreuzend.

Idyllisches Foto vom Blenio Tal

Heute scheint die Sonne, der Blick auf die Berge und das enge Tal in der Ferne gibt uns das Gefühl, Teil eines Caspar-David-Friedrichs-Gemälde zu sein. Wie imposant die Natur, wie klein der Mensch…

An schönen Stellen pausieren wir, geniessen die Ruhe, die Sonne und unsere Snacks. Im kleinen Ort Blenio bestellen wir im einzigen «Restaurant» ein Stück Käse Zmittag – das einzige salzige & vegetarische Gericht auf der Karte. Zum Nachtisch gönnen wir uns mal wieder Kaffee & Kuchen. Wandern heisst auch Essen. Und vor dem Aufstieg zur Capanna Bovarina wollen wir uns stärken. Ausserdem haben wir Zeit, viel Zeit. Das Hüttenleben ist klösterlich strukturiert: Um 7 Uhr ist Tagwacht, das Frühstück wir um 8 abgeräumt und das Abendessen gibt es um 19 Uhr. So haben wir trotz Trödeln, vielen Pausen & Raupenbeobachten noch mehrere Stunden Zeit für einen Aufstieg, welcher mit knapp 2 Stunden 50 angegeben ist.

rot-schwarz gepunktete Wolfmilchschwärmer-Raupe

rot-schwarz gepunktete Wolfmilchschwärmer-Raupe

Schmetterling Himmelblauer Bläuling bei der Fortpflanzung
Gelber Schmetterling auf gelber Blume

Der Weg führt durch das Dorf, hinauf zu verstreuten Häuschen. Wieder gehen wir ein Stück einer kaum befahrener Strasse entlang. Das Leben hier scheint stehen geblieben, die Häuschen sind urchig, dekoriert mit Geranien & Geweihen. Nur die geparkten Autos zeigen, dass man auch hier im neuen Jahrtausend angekommen ist.

Bevor der Wanderweg rechts in den Lärchenwald abbiegt, passiert das Strässchen einen kleinen Bach. Wir nutzen die Gelegenheit für eine weitere Pause & ein erfrischendes Fussbad.

Aufstieg zur Capanna Bovarina durch den Lerchenwald

Unter den Lärchen wird der Weg schmaler & steiler, schlängelt sich langsam empor um dann beim letzten Stück noch richtig anstrengend zu werden – gut gibt es in der Capanna Bovarina zum Aufpreis von 5 CHF eine warme Dusche!

Wieder sauber lassen wir den Blick von der Hütte ins Tal schweifen und geniessen die schöne Stimmung der mächtigen Berge & des schimmernden Stausees Lago di Luzzone im gegenüberliegenden Tal. 

Tag 3: Über den Gana Negra zum Lukmanierpass

Heute haben wir ausgeschlafen – als wir um 7:30 zum Frühstück erscheinen, sind die ambitionierten Berggängerinnen & -berggänger bereits am Schuhe schnüren. Als wir schliesslich um 9 Uhr loslaufen, ist die Hütte leer. Gut für uns, können wir den Aufstieg zum Gana Negra doch in Ruhe angehen. Keine Menschen weit & breit. Nur wir und die idyllische Landschaft. 

Ausblick auf die Tessiner Alpene und den Stausee Lago di Luzzone
Naturbank vor idyllischer Bergkulisse im Tessin

Die Schmetterlinge tanzen auf den Bergblumen, das Wasser plätschert im kleinen Bächchen und in der Ferne mischt dich das Klingen der Kuhglocken mit dem Rauschen eines Wasserfalls. 

Nach und nach wird die Natur karger. Dafür drängen sich grosse, dunkle Felsbrocken ins Bild. Unverkennbar wandern wir einer ehemaligen Gletscherzunge entlang. Klar, dass wir auf einer dieser Felsen mal wieder eine Pause einlegen…

Aufstieg zum Gana Negra durch eine Gletscherzunge voller Felsen
Blühender Hauswurz auf dem Lukmanier

Mit dem Regen kehrt auch die Energie zurück. Wir wandern weiter, vorbei an einer friedlichen Kuhherde, rauf auf den Gana Negra. Oben angekommen, blicken wir auf eine andere Welt. Rustikal und grob erhebt sich der steinige, schwarze Gipfel zu unserer Rechten, während es links steil abfällt und sich die schroffe Bergwelt offenbart. Das aufkommende Gewitter verstärkt die harte Stimmung. 

Aussicht vom Gana Negra

Trotzdem begeistert der Anblick. Denn gerade diese Gegensätze – mal lieblich, mal grob, mal blühend-bunt, dann dunkel, steinig, steil – machen den Reiz von Bergwanderungen aus. Hinter jeder Kurve verbirgt sich eine neue Welt, jeder Berg hat seine eigene Flora & Fauna.

Der Abstieg zum Lukmanierpass ist steil. Am dritten Tag merken wir langsam die Müdigkeit in unseren Beinen. Mit dem Gewitter im Nacken sind wir aber motiviert und geben Tempo. Irgendwann hängen wir das Donnergrollen ab, wir entspannen uns. Die Landschaft öffnet sich, vor uns zeigt sich der grosse Lai da Santa Maria, der Stausee auf dem Lukmanierpass. 

Alpenblumen-Strauss vor dem Lai da Santa Maria

Endlich angekommen gönnen wir uns im →Hospezi Santa Maria eine kleine Stärkung. Der Kuchen ist nach zwei Tagen Hüttenleben ein kulinarischer Höhenflug und wir schliessen die wunderbare Wanderung ab, wie wir sie angefangen haben: mit Zucker und Regen.

Der offizielle Wanderbeschrieb gibt es →hier.

Einpacken & Anziehen

  • Wanderschuhe & Blasenpflaster
  • Wechselkleidung & warme Kleidung für den Abend
  • Mittagessen für Tag 1, Snacks für Tag 2
  • genug Bargeld fürs Bezahlen der Hütten und der Restaurantbesuche
  • Seidenschlafsack
  • Muskelentspannungsbalsam
  • Regenjacke, Sonnenbrille & Sonnencreme
  • Ladeakku (ich habe einen von →Chimpy ausgeliehen)
  • kleines Duschtuch
  • Necessaire mit dem Nötigsren
  • genug Wasser
  • Offlinekarte Graubünden & Tessin auf dem App →maps.me runterladen

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3-Tages-Wanderung: Von der Greina-Ebene zum Lukmanier-Pass
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